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Wenn Situationen kippen – und wie man sie wieder beruhigt

  • Autorenbild: Stiftung Discherheim
    Stiftung Discherheim
  • 10. Juni
  • 5 Min. Lesezeit
Professionelles Deeskalationsmanagement im Discherheim

Professionelles Deeskalationsmanagement im Discherheim

In sozialen Einrichtungen treffen unterschiedliche Bedürfnisse, Emotionen und Lebenssituationen aufeinander. Manchmal entstehen dabei Spannungen oder Situationen, die herausfordernd werden können – für Klientinnen und Klienten ebenso wie für Mitarbeitende.

Im Discherheim wird deshalb bewusst auf präventive Deeskalation gesetzt. Mitarbeitende werden im Konzept ProDeMa – Professionelles Deeskalationsmanagement geschult. Ziel ist es, schwierige Situationen frühzeitig zu erkennen, zu verstehen und so zu begleiten, dass es gar nicht erst zu Eskalationen kommt.

Dabei geht es nicht nur um Methoden oder Techniken. Im Zentrum stehen Haltung, Kommunikation und das gemeinsame Verständnis im Team.

Lucien Möri, Leiter SpeSe (Spezialsettings) im Discherheim, gibt Einblick in das professionelle Deeskalationsmanagement und erklärt, weshalb präventive Deeskalation im Alltag so wichtig ist.


Was ist ProDeMa?

ProDeMa® (Professionelles Deeskalationsmanagement) ist ein Präventionskonzept für soziale Einrichtungen, Spitäler und Bildungseinrichtungen.

Ziel ist es, herausfordernde Situationen frühzeitig zu erkennen und Eskalationen zu verhindern.

Das Konzept verbindet verschiedene Elemente:

  • Sensibilisierung für Eskalationsdynamiken

  • Reflexion der eigenen Haltung und Stressreaktionen

  • Deeskalierende Kommunikation

  • Teamstrategien in schwierigen Situationen

  • sichere Schutz- und Abwehrtechniken (nur wenn nötig)

  • Nachbesprechung und Lernen im Team

 

Im Mittelpunkt steht immer die Frage:

Wie können wir Sicherheit, Respekt und Selbstbestimmung gleichzeitig gewährleisten?

 


Interview mit Lucien Möri, Leiter SpeSe


Lucien Möri
«Deeskalation beginnt lange vor einer Eskalation»

Lucien, was versteht man unter ProDeMa – professionelles Deeskalationsmanagement?

Manchmal begegnet mir die Vorstellung, dass es bei ProDeMa vor allem darum geht, in extrem eskalierenden Situationen richtig reagieren zu können. Das trifft jedoch überhaupt nicht zu. Vielmehr geht es darum, das Zusammenleben so zu gestalten, dass es gar nicht erst zu solchen Eskalationen kommt. Entsprechende Strukturen, eine veränderte Sichtweise auf herausfordernde Verhaltensweisen sowie ein grosses Wissen und tiefes Verständnis für Ursachen und Beweggründe sind wichtige Bausteine dafür.

 

Warum ist dieses Thema gerade in sozialen Institutionen wie dem Discherheim so wichtig?

Wo viele Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen zusammenkommen, entsteht immer auch ein gewisses Potenzial für Reibung und schwierige Situationen. Gleichzeitig ist es unser Auftrag, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich unsere Klientinnen und Klienten wohlfühlen und in guter Lebensqualität zusammen wohnen und arbeiten können. Deshalb ist es zentral, sich mit Deeskalationsmanagement auseinanderzusetzen.

 

ProDeMa setzt stark auf Prävention. Was bedeutet das konkret im Alltag?

Das bedeutet, dass wir uns täglich mit den Bedürfnissen unserer Klientinnen und Klienten, aber auch mit unseren eigenen Möglichkeiten und Strukturen auseinandersetzen. Prävention im Sinne von ProDeMa heisst nicht, dass es einen festen Katalog von Massnahmen gibt, der einfach abgearbeitet werden kann.

Wir begegnen unserem Gegenüber jeden Tag neu. Durch intensive Beziehungsarbeit und gelungene Kommunikation entsteht ein besseres gegenseitiges Verständnis, und unsere Angebote können entsprechend angepasst werden. Oft reichen schon kleine Veränderungen im Umgang oder in der Struktur, um positive Effekte zu erzielen.

 

Oft wird von «herausforderndem Verhalten» gesprochen. Wie hilft ProDeMa dabei, dieses Verhalten besser zu verstehen?

Bevor sich der Begriff «herausforderndes Verhalten» etabliert hat, waren viele andere – deutlich negativer konnotierte – Bezeichnungen gebräuchlich. Mir persönlich gefällt dieser Begriff nicht schlecht, weil er impliziert, dass das Verhalten eine Reaktion herausfordern will.

Es geht also meist nicht darum, das Gegenüber bewusst zu schädigen oder herabzusetzen. Vielmehr versucht ein Mensch mit seinem Verhalten, eine Reaktion zu erreichen, die ein Bedürfnis oder eine innere Not lindert. In den seltensten Fällen ist das ein bewusster Prozess.

 

Welche Rolle spielt die Haltung der Mitarbeitenden in solchen Situationen?

Wenn Mitarbeitende dem Verhalten von Klientinnen und Klienten – nicht nur dem herausfordernden – mit einer fragenden Haltung begegnen und sich fragen: «Was möchte mir diese Person mit ihrem Verhalten sagen?», dann hat bereits viel Deeskalation stattgefunden.

Wenn es gelingt, auf diese Frage zu reagieren und nicht nur auf das unerwünschte Verhalten selbst, verändert das den Umgang mit der Situation grundlegend.

 

Wie wird ProDeMa im Discherheim konkret umgesetzt?

Indem herausfordernde Situationen unter dem Aspekt der sogenannten Primärdeeskalation reflektiert werden. Dabei geht es darum, Strukturen zu überprüfen, Verhaltensweisen besser zu verstehen und Ursachen sowie Beweggründe zu erkennen.

Diese Reflexion findet im täglichen Austausch statt – in Rapporten, Teamsitzungen und Fallbesprechungen.

 

Welche Schulungen oder Trainings erhalten die Mitarbeitenden?

Im Discherheim bieten wir regelmässig den dreitägigen ProDeMa-Grundkurs an. Für Mitarbeitende in den Spezialsettings ist dieser obligatorisch, für alle anderen Mitarbeitenden in der Betreuung wird er sehr empfohlen.

Zusätzlich findet in jedem Team mindestens einmal pro Jahr ein Auffrischungs- oder Vertiefungsinput statt. Bei Bedarf können Teamleitende auch jederzeit Unterstützung für Fallbesprechungen bei mir anfordern.

 

Kannst du ein Beispiel aus dem Alltag nennen, bei dem deeskalierende Strategien besonders hilfreich waren?

Solche Situationen gibt es praktisch täglich. Meist handelt es sich nicht um gravierende oder bedrohliche Ereignisse, sondern um ganz normale Alltagssituationen – etwa kleine Meinungsverschiedenheiten.

Eine deeskalierende Grundhaltung und passende Kommunikationstechniken helfen dabei, solche Situationen frühzeitig zu entschärfen und so ein konfliktärmeres Zusammenleben zu ermöglichen.

 

ProDeMa beinhaltet auch körperliche Schutztechniken. Wann kommen diese überhaupt zum Einsatz?

Körperliche Schutztechniken kommen bei uns zum Glück nur selten zum Einsatz. Viele Situationen lassen sich verbal deeskalieren. Schutztechniken werden nur dann angewendet, wenn sich Mitarbeitende konkret bedroht fühlen.

 

Wie stellt ihr sicher, dass dabei die Würde und Selbstbestimmung der Klientinnen und Klienten gewahrt bleibt?

Das ProDeMa-Konzept arbeitet mit möglichst schonenden Flucht- und Abwehrtechniken. Befreiungsgriffe verzichten beispielsweise ausdrücklich auf den Einsatz von Schmerzpunkten. Ebenso geht es nicht darum, das Gegenüber zu dominieren.

 

Was verändert sich in einem Team, wenn ProDeMa konsequent angewendet wird?

Die Haltung gegenüber bestimmten Verhaltensweisen wird bewusster. Dadurch wird differenzierter über schwierige Situationen nachgedacht und es entstehen neue Handlungsmöglichkeiten.

Auch die Kommunikation im Team verändert sich – ebenso der Umgang mit persönlichen Belastungen, Herausforderungen und Grenzen in der Arbeit.

 

Welche Rolle spielt die gemeinsame Reflexion nach schwierigen Situationen?

Die Reflexion nach schwierigen Situationen ist ein zentrales Element – und zwar auf zwei Ebenen.

Zum einen geht es um die Nachsorge für betroffene Mitarbeitende. Wer mit herausfordernden Situationen konfrontiert ist, braucht Unterstützung und Raum, um das Erlebte gemeinsam zu verarbeiten. Nur so ist es möglich, solche Situationen langfristig gesund zu begleiten.

Zum anderen geht es darum, gemeinsam zu analysieren, wie ähnliche Situationen künftig anders gestaltet werden könnten: Welche Alternativen gibt es? Wo können wir anders reagieren? Wie können wir die Begleitung unserer Klientinnen und Klienten weiter verbessern?

 

Was hat dich persönlich am meisten überrascht, seit du mit ProDeMa arbeitest?

Mich fasziniert immer wieder, wie grosse Auswirkungen kleine Anpassungen in der Begleitung haben können.

 

Was wünschst du dir für die Zukunft im Umgang mit herausfordernden Situationen im Discherheim?

Ich wünsche mir, dass es uns weiterhin gelingt, unsere Mitarbeitenden gut zu unterstützen, damit herausfordernde Situationen nicht zu belastenden Situationen werden müssen.

 


Fazit

Sicherheit entsteht durch Verständnis

Der Umgang mit herausfordernden Situationen gehört zum Alltag vieler sozialer Einrichtungen. Entscheidend ist jedoch, wie damit umgegangen wird.

Mit dem professionellen Deeskalationsmanagement verfolgt das Discherheim einen Ansatz, der auf Prävention, Verständnis und Teamarbeit setzt. Ziel ist es, Spannungen frühzeitig wahrzunehmen, Lösungen gemeinsam zu entwickeln und die Würde aller Beteiligten zu schützen.

Denn Deeskalation bedeutet nicht nur, Konflikte zu beruhigen – sondern ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen sich sicher fühlen können.

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