Im Gespräch mit Tanja Zimmermann, Leiterin Agogik
- Stiftung Discherheim

- vor 6 Tagen
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Seit fast drei Jahrzehnten prägt Tanja Zimmermann das Discherheim mit. Als Leiterin Agogik setzt sie sich dafür ein, dass Menschen mit Beeinträchtigungen bestmöglich begleitet werden und Mitarbeitende die nötigen Werkzeuge und Unterstützung erhalten, um diese anspruchsvolle Aufgabe zu erfüllen. Im Gespräch erzählt sie von ihren Anfängen, ihrer Motivation und ihrer Vision für die Zukunft.

Eine Begegnung, die alles veränderte
Vor fast 29 Jahren kam Tanja Zimmermann als junge Kindergärtnerin ins Discherheim. Ihren Vorstellungstag absolvierte sie auf der Wohngruppe Ahorn.
«Die Mitarbeitenden waren gegenüber einer unerfahrenen Kindergärtnerin verständlicherweise kritisch. Schliesslich ging und geht es um die Begleitung von erwachsenen Menschen.»
Auch sie selbst wusste damals nicht genau, was sie erwarten würde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie vor allem Erfahrungen mit Kindern mit einer Behinderung gesammelt.
Eine Begegnung blieb ihr besonders in Erinnerung: Eine ältere Klientin empfing sie mit einem strahlenden Lächeln. «Da war es wohl schon um mich geschehen», erzählt sie schmunzelnd.
Die Menschen im Discherheim wurden zu ihren wichtigsten Lehrpersonen – und sind es bis heute geblieben.
«Sie zeigen mir immer wieder, was wirklich wichtig im Leben ist. Worauf es ankommt. Die Beziehungen, die entstanden sind, haben von mir eine stetige Weiterentwicklung verlangt und diese gleichzeitig ermöglicht.»
Was Agogik bedeutet
Viele Menschen können mit dem Begriff «Agogik» wenig anfangen. Für Tanja Zimmermann ist die Erklärung einfach:
«Agogik umfasst alle Massnahmen und Methoden, die darauf abzielen, die Lebensqualität und die Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen zu verbessern.»
Als Leiterin Agogik sorgt sie dafür, dass die Begleitenden die richtigen Werkzeuge zur Verfügung haben – sei es in Form von Fachwissen, Haltungen, Prozessen, Richtlinien oder Hilfsmitteln.
«Das Wohl der Klientinnen und Klienten ist unsere Orientierung und unser gemeinsames Ziel.»
Dabei steht für sie immer der einzelne Mensch im Mittelpunkt.
«Jede Persönlichkeit hat ihre Geschichte und ihre Prägung. Ich interessiere mich für den Menschen.»
Gute Lösungen gemeinsam finden
Der Begleitalltag im Discherheim bringt immer wieder neue Herausforderungen mit sich. Für Tanja Zimmermann gehört das dazu.
«Gemeinsam suchen wir nach guten Lösungen und überprüfen, welche Wege zu gehen sind.»
Besonders wichtig ist ihr dabei die Haltung gegenüber den Klientinnen und Klienten.
«Die Klientinnen und Klienten leben in grosser Abhängigkeit und sind dennoch Experten für ihr eigenes Leben.»
Spannungsfelder seien normal und müssten sorgfältig bearbeitet werden. Dafür brauche es Offenheit und Vertrauen.
«Alles muss besprechbar sein: Schwieriges und Gelingendes.»
Selbstbestimmung im Alltag ermöglichen
Ein zentrales Ziel der agogischen Arbeit ist die Förderung der Selbstbestimmung.
«Engagierte, aufmerksame und zugewandte Begleitende sorgen tagtäglich für Bedingungen, die eigene Entscheidungen und aktives Mitgestalten ermöglichen.»
Dabei gehe es oft um scheinbar kleine Dinge.
«Wahlmöglichkeiten zu haben, sind ein wichtiger Aspekt von Lebensqualität – auch bei ganz banalen, alltäglichen Entscheidungen.»
Besonders freut sie sich, wenn Klientinnen und Klienten ihre Zustimmung oder Ablehnung klar zum Ausdruck bringen können. Auch ihre offene Bürotüre wird regelmässig genutzt.
«Klientinnen und Klienten kommen vorbei, um Anliegen anzubringen, Erlebnisse zu teilen oder einfach ein kurzes Gespräch zu führen. Dieser Kontakt ist für mich sehr wichtig.»
Ein weiterer wichtiger Baustein ist der interne Klient:innen-Rat. Er bietet eine Plattform, um sich einzubringen, mitzureden und gehört zu werden.
Gemeinsam wachsen
Für die Mitarbeitenden stehen zahlreiche interne Weiterbildungen und Fachangebote zur Verfügung. Unterstützung und Beratung sind jederzeit möglich.
«Keiner wird mit seinen Herausforderungen allein gelassen.»
Tanja Zimmermann sieht in jeder Herausforderung auch eine Chance.
«Positiv gesehen, ist jede Herausforderung eine Einladung zur Veränderung und zum persönlichen Wachstum.»
Eine gute Zusammenarbeit zwischen Mitarbeitenden und Klientinnen und Klienten basiert für sie auf einfachen, aber entscheidenden Grundsätzen:
«Zuhören, ernst nehmen, sich für das Gegenüber interessieren, ermutigen, Erfahrungen ermöglichen, Eigenständigkeit unterstützen, klar informieren und immer wieder bereit sein, das eigene Handeln zu reflektieren.»
Blick in die Zukunft
Die Agogik wird sich in den kommenden Jahren weiterentwickeln. Themen wie dezentrale Wohnformen, echte Inklusion sowie digitale und technologische Teilhabe gewinnen zunehmend an Bedeutung.
«Die Unterstützungsleistungen werden komplexer und verlangen von uns, die Einzigartigkeit jedes einzelnen Lebens zum Architekten des Alltags zu machen.»
Für das Discherheim wünscht sie sich vor allem eines:
«Offene Räume des Austauschs und der Begegnung schaffen. An der Kultur des Miteinanders weiterarbeiten. Angebote optimieren und zufriedene Klientinnen und Klienten sowie engagierte Mitarbeitende in ihrem Tun und Sein unterstützen.»
Kommunikation ist alles
Aktuell beschäftigt sich Tanja Zimmermann im Rahmen einer Weiterbildung intensiv mit der Bedeutung von Kommunikation in Veränderungsprozessen.
«Es zeigt sich auch darin: Kommunikation ist alles.»
Neben ihrer Arbeit findet sie Ausgleich in ihrem Atelier. Dort verarbeitet sie menschliche Begegnungen und bewegende Lebensthemen auf kreative Weise und verleiht ihnen einen künstlerischen Ausdruck.
Eine Leidenschaft, die gut zu ihrer Arbeit passt – denn auch dort stehen Menschen, Beziehungen und Entwicklung im Mittelpunkt.



